Immer auf Abruf bereit
Ich dachte immer: Wenn meine Kinder irgendwann aus dem Haus sind, habe ich wieder mehr Zeit für mich. Aber meine Kinder waren noch nicht aus dem Haus, da wurden meine Eltern pflegebedürftig.
Ich habe meine Kinder allein großgezogen und immer gearbeitet. Fünf Jahre lang habe ich gemeinsam mit meinem Vater meine Mutter gepflegt, bis sie 2021 verstorben ist. Und kaum war diese Zeit vorbei, ging es meinem Vater nach dem Tod meiner Mutter zunehmend schlechter. Also begann ich, mich um ihn zu kümmern und pflege ihn bis heute.
Bis 2022 war ich als internationale Kundenbetreuerin angestellt. Meine Arbeit und die Pflege meiner Eltern miteinander zu vereinbaren, wurde zunehmend schwieriger. 2020 und 2021 habe ich meinen kompletten Jahresurlaub für die Pflege meiner Eltern verbraucht. Für mich selbst blieb überhaupt keine Zeit mehr.
Mein Arbeitgeber wusste zwar, dass ich eine Pflegesituation zu Hause hatte. Aber ich glaube, er wusste nicht, wie herausfordernd die Situation für mich wirklich war. Ich wollte auf der Arbeit zeigen, dass ich das alles schaffe. Ich hatte Angst, dass ich meinen Arbeitsplatz verlieren könnte, wenn ich zeige, wie sehr mich die Situation belastet.
Es war auch meine innere Haltung, dass ich alles allein schaffen würde. Schließlich war ich doch eine starke Frau. Also habe ich funktioniert und weitergemacht, auch wenn es eigentlich längst zu viel war.
2022 habe ich gemerkt: So kann es nicht weitergehen. Ich kann nicht dauerhaft arbeiten und gleichzeitig pflegen, ohne selbst irgendwann völlig auf der Strecke zu bleiben. Ich kündigte meinen Job. Das hatte finanzielle Folgen. Weil ich aufgrund der Pflege selbst gekündigt hatte, hatte ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Außerdem konnte ich dem regelmäßigen Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Das bedeutete eine große finanzielle Unsicherheit für mich.
Heute bin ich selbstständig und arbeite hauptsächlich zu nächtlichen Zeiten. So kann ich tagsüber flexibler für meinen Vater da sein. Für mich ist diese Flexibilität entscheidend, weil ich nie genau weiß, was der nächste Tag bringt. Denn Pflege lässt sich überhaupt nicht planen. Man ist im Prinzip 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche auf Abruf.
Einmal ist mein Vater nachts gestürzt. Der Krankenwagen hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Ich bin hinterher und habe zehn Stunden mit ihm im Krankenhaus gesessen, bis er ein Zimmer bekommen hat. Dieser ganze Tag war einfach weg. Aber in solch einer Situation kann ich nicht einfach sagen: „Das passt heute leider nicht, ich habe einen Arbeitstermin.“
Als pflegende Angehörige im Angestelltenverhältnis wäre mir persönlich am wichtigsten, zu wissen, dass ich bei der Arbeit jederzeit gehen kann, wenn es notwendig ist. Ohne Angst haben zu müssen, meinen Arbeitsplatz zu verlieren oder jemandem zur Last zu fallen.
Pflege ist genauso wie Kinder großziehen, man muss ständig auf Abruf bereitstehen. Ich kann vieles organisieren und planen, aber ich kann nicht vorhersehen, wann mein Vater stürzt, wann es ihm plötzlich schlechter geht oder wann er mich braucht. Ich kann nichts kalkulieren. Im Erholungsurlaub war ich schon seit Jahren nicht mehr.
Für pflegende Angehörige braucht es unbedingt mehr Möglichkeiten, die Arbeitszeit kurzfristig und unkompliziert an die Pflegesituation anzupassen. Und es braucht eine Lohnersatzleistung, die zumindest eine zeitweise Freistellung ermöglicht, sodass man den Job nicht gleich kündigen muss, wenn die Pflege zu viel wird.
Arbeit muss flexibler werden, damit pflegende Angehörige für ihre Familie da sein können, ohne dabei ihre Arbeit, ihre finanzielle Sicherheit oder ihre eigene Gesundheit zu verlieren.
Anmerkung: Das Bild zum Beitrag ist ein Stockfoto von Shutterstock, da unser Mitglied, das diesen Erfahrungsbericht geschrieben hat, anonym bleiben möchte.