Fachtagung in Kiel: Selbsthilfe als ein Schlüssel zur Resilienz pflegender Angehöriger
Fachtagung in Kiel: Selbsthilfe als ein Schlüssel zur Resilienz pflegender Angehöriger
Am 8. und 9. Mai 2026 fand in Kiel die Fachtagung „Erweiterung der Selbsthilfe zur Stärkung der Resilienz pflegender Angehöriger“ statt. Etwa 50 pflegende Angehörige, Vertreter*innen aus Selbsthilfe, Wissenschaft, Politik und Praxis kamen zusammen, um gemeinsam über Wege zu diskutieren, wie pflegende Angehörige besser unterstützt und entlastet werden können. Im Mittelpunkt standen Austausch, Vernetzung und die Frage, wie Selbsthilfeangebote erweitert werden können, um den Herausforderungen im Pflegealltag gerecht zu werden.
Nicole Kundsen, Vorständin des Bundesverbands wir pflegen e.V, begrüßte die Teilnehmenden und betonte, dass Selbsthilfe kein Ersatz für politische Weichenstellungen, professionelle Pflege oder verlässliche Unterstützungsstrukturen sein kann. „Aber sie ist ein Ort der Möglichkeit, ein Ort des Austauschs, der Solidarität und der gegenseitigen Stärkung. Ein Raum, in dem Sie Halt finden, in dem Sie Ihre Stimme erheben und in dem Sie gemeinsam mit anderen Wege aus der Isolation gehen können“, so Knudsen. Sie dankte dem anwesenden Staatssekretär, Johannes Albig, ausdrücklich für seine Unterstützung und sein Engagement für die Belange pflegender Angehöriger.
Im anschließenden Grußwort würdigte Johannes Albig, Staatssekretär des Ministeriums für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein, die Leistungen pflegender Angehöriger und forderte den Verein auf weiterhin „auf eine sympathische und fordernde Art“ auf die Anliegen pflegender Angehöriger aufmerksam zu machen.
Sebastian Fischer, Vorstand des Bundesverbandes wir pflegen e.V. moderierte den Fachtag. Ein erster inhaltlicher Schwerpunkt lag auf der mentalen Gesundheit pflegender Angehöriger. Nicola Gansert, Referentin Digitale Angebote der gemeinschaftlichen Selbsthilfe beim Bundesverband wir pflegen e.V., machte die oft unsichtbare Belastung pflegender Angehöriger eindrucksvoll greifbar. Anhand eines persönlichen Praxisbeispiels machte sie deutlich, wie sehr Pflegeverantwortung das eigene Leben, soziale Beziehungen und die psychische Gesundheit beeinflussen kann. Viele pflegende Angehörige stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück und sind dadurch einem hohen Risiko für chronischen Stress, emotionale Erschöpfung und gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt. Gemeinschaftliche Selbsthilfe kann dazu beitragen, Isolation zu überwinden, emotionale Entlastung zu schaffen und die eigene Resilienz zu stärken.
Im Anschluss richtete Dr. Katja Knauthe, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Zittau/Görlitz im Vortrag zum Forschungsprojekt „Well Care“ den Blick auf Resilienz in der Langzeitpflege. Sie machte deutlich, dass Resilienz weit mehr bedeutet als persönliche Stärke oder individuelles Durchhaltevermögen. Belastung entstehe häufig nicht allein durch die Pflege selbst: „Belastung entsteht in konkreten Pflegesituationen, in Familienbeziehungen, in Erwerbsarbeit, in fehlenden Unterstützungsstrukturen und häufig auch in sehr komplizierten Zugängen zum Hilfesystem. Deshalb sprechen wir von Resilienz als mehrdimensionaler Perspektive. Es geht um persönliche Ressourcen, aber ebenso um soziale Unterstützung, tragfähige Netzwerke, gute Beratung, zugängliche Angebote und verlässliche Strukturen.“
Gemeinsam mit dem Bundesverband wir pflegen e.V. als Praxispartner entwickelt das "Well Care"-Team ein neues Kursformat für aktiv und ehemals pflegende Angehörige. Mit diesem sollen über das „Well Care“ Projekt hinaus ein langfristiges und tragfähiges Angebot zur Erweiterung der Selbsthilfe, der Peer-to-Peer Begleitung und der Stärkung der Resilienz pflegender Angehöriger geschaffen werden. Der Kurs ist als niedrigschwelliges, erfahrungsbasiertes und zugleich klar gerahmtes Angebot für pflegende Angehörige konzipiert. Er bereitet pflegende Angehörige darauf vor, andere Betroffene entweder in Selbsthilfezusammenhängen oder im Rahmen einer zeitlich begrenzten Peer-to-Peer-Begleitung zu unterstützen. Im Zentrum stehen psychosoziale Unterstützung, soziale Wiederanbindung, Orientierung im Versorgungs- und Unterstützungssystem sowie die verantwortungsvolle Weitergabe von Erfahrungswissen.
Am Nachmittag stellte Lisa Thelen, Referentin für Kommunikation und Medien beim Bundesverband wir pflegen e.V., praxisnahe Forschungsprojekte vor, darunter „Pflegeschätze“ und „Kraft-Copilot“.
Die digitale Plattform „Pflegeschätze“ macht familiäre Innovationen und alltägliche Lösungsansätze sichtbar, die pflegende Eltern im Pflegealltag selbst entwickeln. Diese Pflegetricks – im Englischen oft „Life-Hacks“ genannt – sollen anderen Betroffenen als Inspiration dienen, selbst kreative Lösungen zu entwickeln.
Die digitale Plattform „Kraft-Copilot“ richtet sich insbesondere an junge Erwachsene mit Pflegeverantwortung. Die gamifizierte Lern- und Vernetzungsplattform besteht aus drei verschiedenen Bereichen. Dazu gehören unter anderem ein „Ich“-Bereich zur Reflektion, ein „Wir“-Bereich für Vernetzung und Austausch sowie ein „Markt“, auf dem passende Hilfen und Angebote sichtbar gemacht werden können. Beide Plattformen wurden unter Beteiligung der betroffenen Zielgruppe entwickelt und können als Erweiterung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe betrachtet werden. Damit beide Projekte über die Forschungsprojekte hinaus weiter bestehen können, braucht es eine nachhaltige Finanzierung.
Der Tag endete mit einer lebhaften Fishbowl-Diskussion zum Thema „Pflegende Angehörige und Resilienz“. Hier diskutierten Teilnehmende offen über die Herausforderungen im Pflegealltag, aber auch über notwendige politische Veränderungen und den Wunsch nach bedarfsgerechten Entlastungsangeboten für pflegende Angehörige. Deutlich wurde dabei, dass Resilienz nicht allein als individuelle Aufgabe verstanden werden darf, sondern gesellschaftliche und strukturelle Unterstützung benötigt.
Christiane Hüppe, Vorständin im Verein wir pflegen in Niedersachsen, moderierte den zweiten Veranstaltungstag, der ganz im Zeichen der aktiven Beteiligung und des gemeinsamen Arbeitens stand. Nach einem Austausch zu aktuellen pflegepolitischen Entwicklungen und dem „Zukunftspakt Pflege“ konnten sich die Teilnehmenden an Infotischen über die Selbsthilfeangebote des Bundesverbands wir pflegen e.V. und der Landesvereine informieren.
In zwei Workshop-Runden wurden anschließend unterschiedliche Themen vertieft.
In der ersten Workshop-Runde beschäftigten sich die Teilnehmenden unter anderem mit der Frage, wie (digitale) Selbsthilfegruppen geplant, gegründet und finanziert werden können. Unter der Moderation von Andrea Haack von wir pflegen e.V. NRW und einem fachlichen Impuls von Ursula Helms wurden konkrete Möglichkeiten für den Aufbau und die Organisation neuer Selbsthilfegruppen diskutiert.
Im Workshop „Selbsthilfe weitergedacht“ entwickelten die Teilnehmenden gemeinsam Ideen für Peer-to-Peer-Begleitung, Vernetzung und die Weiterentwicklung der Plattform „in.kontakt“. Moderiert wurde der Workshop von Katja Knauthe und Nicola Gansert.
Eine weitere Ideenwerkstatt widmete sich einem Buchprojekt des Vereins. Gemeinsam mit Daniela Eckstein von wir pflegen e.V. NRW sammelten die Teilnehmenden Themen, Erfahrungen und Anregungen für einen praxisnahen Ratgeber aus Sicht pflegender Angehöriger.
In der zweiten Workshop-Runde stand zunächst das Thema Glaubenssätze und Selbstfürsorge im Mittelpunkt. Gemeinsam mit der psychologischen Beraterin
Nadine Seel setzten sich die Teilnehmenden damit auseinander, wie innere Überzeugungen das eigene Denken und Handeln prägen und wie belastende Glaubenssätze bewusst verändert werden können.
Der Workshop „Wording: Pflegende Angehörige, Selbsthilfe und Co“ beschäftigte sich mit der Frage, wie Sprache genutzt werden kann, um pflegende Angehörige besser zu erreichen. Nicole Knudsen und Lisa Thelen sammelten gemeinsam mit den Teilnehmenden Begriffe, um Menschen, die sich (noch) nicht als pflegende Angehörige identifizieren, zu ereichen.
Im Workshop zur Selbstorganisation von Selbsthilfegruppen ging es schließlich um gelingende Aufgabenteilung, gemeinsame Verantwortung und die Frage, welche Strukturen eine Selbsthilfegruppe langfristig tragfähig machen. Janna Hansen und Ina Müller von der Selbsthilfe-Akademie in Schleswig-Holstein leiteten den Workshop.
Besonders wertvoll war die offene und engagierte Atmosphäre während der Workshops. Viele Teilnehmende brachten eigene Erfahrungen ein und entwickelten gemeinsam neue Ideen für zukünftige Unterstützungsangebote. Der Wunsch nach stärkerer Vernetzung und mehr politischer Aufmerksamkeit zog sich dabei wie ein roter Faden durch die Veranstaltung.
Zum Abschluss der Tagung wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengetragen. Dabei wurde deutlich, dass Selbsthilfe weit mehr ist als gegenseitiger Austausch: Sie schafft Gemeinschaft, stärkt Handlungskompetenz und kann wesentlich dazu beitragen, die Resilienz pflegender Angehöriger zu fördern.
Die Fachtagung in Kiel hat eindrucksvoll gezeigt, wie groß das Engagement in diesem Bereich ist und wie wichtig Räume für Austausch, Mitgestaltung und gegenseitige Unterstützung bleiben. Die zahlreichen Impulse und Ideen werden die weitere Arbeit des Bundesverbands wir pflegen e.V. für und mit pflegenden Angehörigen nachhaltig bereichern.
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