Eingabehilfen öffnen

Zum Hauptinhalt springen
Medienberichte

Armut durch Pflege: Melanies Geschichte in 37 Grad Doku

Medienberichte

Armut durch Pflege: Melanies Geschichte in 37 Grad Doku

In der 37-Grad-Dokumentation Arm, abhängig, abgehängt: Frauen und Geld werden drei Frauen in ihrem Alltag begleitet. Eine von ihnen ist unser Mitglied Melanie. Trotz guter Ausbildung steckt sie im Bürgergeld fest.

Vor der Geburt ihres zweiten Sohnes arbeitete Melanie Vollzeit als Gehaltsbuchhalterin bei einem Verlag in Hamburg. Sie hatte gute Chancen auf eine Beförderung zur Abteilungsleiterin und sie plante, auch nach der Geburt ihres Kindes weiterhin voll erwerbstätig zu sein. 

Doch dann änderte sich ihr Leben grundlegend: Ihr zweiter Sohn ist Autist und benötigt intensive Betreuung. Er kann täglich lediglich vier Stunden die Schule besuchen. Melanie bringt ihn morgens hin und holt ihn mittags wieder ab. Für eine Erwerbstätigkeit bleiben ihr höchstens drei Stunden pro Tag. Sie ist alleinerziehend, der Vater der Kinder ist selbst Autist und kann die Betreuung nur wenige Wochen im Jahr übernehmen. Unter diesen Bedingungen ist es nahezu unmöglich, eine passende Arbeitsstelle zu finden. Trotz guter Ausbildung ist Melanie auf Bürgergeld angewiesen und kommt da nicht mehr raus.

Melanie sagt: „Ich habe mir immer geschworen, ich werde immer arbeiten gehen, auch wenn ich Kinder habe, ich will unabhängig sein, ich will mein Leben selbst in der Hand haben. Und das hat trotzdem nicht geklappt.“

Strukturelle Ursachen von Armut

Melanies Situation ist kein Einzelfall. Aus der Selbsthilfe wissen wir, dass viele alleinerziehende, pflegende Mütter im Bürgergeldbezug leben, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sie dazu zwingen: fehlende Betreuungsangebote, unzureichende bedarfsgerechte Entlastungsleistungen und fehlende soziale Absicherung machen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege oft unmöglich.

Neben der körperlich und emotional belastenden Pflege bestimmen finanzielle Sorgen den Alltag. Die Abhängigkeit vom Bürgergeld schränkt den Handlungsspielraum zusätzlich ein und bringt erhebliche bürokratische Belastungen mit sich. So darf Melanie ihren Wohnort nur mit vorheriger Genehmigung des Jobcenters verlassen und muss nach einer „Ortsabwesenheit“ persönlich zurückmelden. Die erlaubten Abwesenheiten sind auf 21 Tage im Jahr begrenzt.

Auch pflegende Angehörige im Erwerbsalter, die beispielsweise ihre Ehepartner pflegen, leben häufig in prekären Lebensverhältnissen. Sie tragen sowohl die Verantwortung für den Lebensunterhalt der Haushaltsgemeinschaft als auch für die Pflege. Viel zu oft stehen sie vor der Wahl zwischen einem Leben in Armut oder einer massiven Überlastung im Alltag.

Die sozialrechtliche Unterstützung für pflegende Angehörige ist gering. Pflegezeit und Familienpflegezeit sind für Betroffene keine geeignete Lösung. Berufstätige mit Pflegeverantwortung können ein zinsloses Darlehen aufnehmen, müssen dieses aber nach der Pflege zurückzahlen. Hier gilt das Prinzip „Vereinbarkeit gegen Verschuldung“. Eine Lohnersatzleistung wie das Elterngeld gibt es für pflegende Angehörige bisher nicht.

Menschen, die Pflegeverantwortung übernehmen, dürfen sozial und finanziell nicht benachteiligt werden.

Der Bundesverband wir pflegen e.V. fordert daher:

  • Verlässliche und bedarfsgerechte Entlastungs- und Unterstützungsangebote für pflegende Eltern und Angehörige, um Beruf und Pflege vereinbaren zu können
  • Einführung einer Familienpflegezeit und eines Familienpflegegeldes nach den Empfehlungen des unabhängigen Beirats für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
  • Ausweitung der Familienpflegezeit auf die tatsächliche Dauer der Pflege
  • Einkommensgarantie für Menschen, die aufgrund ihrer Pflegesituation und fehlender Entlastungsleistungen nicht erwerbstätig sein können oder es nie waren, z. B. Eltern von Kindern mit hohem Pflegebedarf oder junge Pflegende
  • Soziale Absicherung durch die rentenrechtliche Anerkennung von Pflegeleistungen für alle pflegenden Angehörigen
  • Krankenversicherungsschutz bei Reduzierung der Arbeitszeit oder Inanspruchnahme von (Familien-)Pflegezeit ohne zusätzliche Kosten
  • Flexiblere Arbeitsbedingungen für pflegende Angehörige
  • Anstellung von pflegenden Angehörigen als Wahloption, um Pflegearbeit sozial und finanziell abzusichern

Pflegende Angehörige leisten täglich unverzichtbare Arbeit. Es ist höchste Zeit, dass diese Arbeit gesellschaftlich anerkannt, sozial abgesichert und finanziell gewürdigt wird.

Unsere Forderungen sind im Positionspapier „Für einen Paradigmenwechsel in der Pflegeversorgung“ zusammengefasst: https://wir-pflegen.net/images/downloads/positionspapiere/wp_Broschuere_BT25-Paradigmenwechsel_online.pdf

10 Grundsätze zur Beschäftigung von pflegenden Angehörigen sind im Positionspapier „Faire Vereinbarungen für pflegende An- und Zugehörige“ formuliert: https://wir-pflegen.net/images/downloads/positionspapiere/241205_Positionspapier_Faire_Vereinbarungen_digital.pdf

Büro in Berlin
  • wir pflegen – Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger e.V.
  • Turmstraße 4
    10559 Berlin
  • 030 – 4597 5750
  • Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.